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Das Polareis schmilzt, der Stolz bleibt , von Sarah King Das Polareis schmilzt, der Stolz bleibt

Da ist diese junge Frau, Sedna, vom Vater gezwungen, einen Vogel zu heiraten. Gefangen in einem Nest in den Klippen weint sie, bis ihr Vater heranrudert und sie entführt. Die Rettung währt kurz. Aus Angst vor dem wütenden Vogel, wirft der Vater seine Tochter über Bord. Sedna sinkt auf den Meeresgrund. So lautet die Legende der Inuit. Wer weiss: Vielleicht war der feige Vater Sednas Glück, denn seither lebt sie in den Tiefen des Meeres als Mutter der Meeressäugetiere – umgeben von Plankton, Krill und Walgesängen. Wenn sie auftaucht, dann in der Kunst der Inuit, verewigt in Speckstein, Serpentin, Lavastein oder Walknochen. Still tritt sie in Dialog mit dem Betrachter, weist ihn auf den Verlust des Polareises hin. „Wohin führt uns das?“, könnte sie fragen. An „das Ende der Strasse“, sagt der Künstler Abraham Anghik Ruben in seinem gleichnamigen Kunstwerk: Ein Inuk treibt auf einem Stück Packeis davon, er kann weder vorwärts noch zurück. Was ihm bleibt, ist sein Stolz. Aufrecht steht er auf seinem Schlitten, den Blick nach vorne gerichtet. Getragen wird er von Sedna und ihren Meeresschützlingen. Abraham Anghik Ruben verweist mit seinem Werk auf die Folgen der globalen Erderwärmung, gleichzeitig verleiht er sich und seinem Volk eine Stimme. Ähnlich wie Sedna, wurde auch er einst entwurzelt, als er von den Weissen seinem Stamm entrissen und in einem Internat „zivilisiert“ wurde. In der Kunst fand er zurück zu seiner Sprache und Identität.

Die Kunstsammler Martha und Peter Cerny stellen die Werke des Künstlers noch bis Ende April in ihrer Cerny Inuit Collection an der Stattbachstrasse 8a, 3012 Bern aus. Neben der zeitgenössischen Kunst von Abraham Anghik Ruben führen Cernys in ihrer Sammlung eine Vielzahl anderer Werke aus dem Polarkreis. Sie sollen zum Denken anregen und den Dialog zwischen den Völkern fördern.

www.cernyinuitcollection.com